Aktuelles

Mehr Kommata als nötig

01.06.2018 Bei der Kommasetzung gibt es verschiedene Tendenzen, wenn sich der Autor / die Autorin nicht sicher ist. Entweder werden nach Gefühl Beistriche gesetzt (hier gibt es mitunter erstaunlich gute Gefühlslagen), oder es werden gar keine oder ständig Kommata gesetzt. Im letzteren Fall macht sich eine Neigung breit, adverbiale Bestimmungen vom Satzgefüge als getrennt anzusehen; Beispiel: Nach dem Erfolg der Frühjahrsofferte, gibt es nun auch im Sommer 2018 eine Premiere. Eine Umstellung des Satzes macht deutlich, wie eng die temporale Ergänzung mit dem Rest des Satzes verknüpft ist: Es gibt nach dem Erfolg der Frühjahrsofferte nun auch im Sommer 2018 eine Premiere. Die manchmal vorgebrachte Entschuldigung, das Komma diene der Betonung, kann schlecht angenommen werden, denn die Betonung ist nicht eindeutig; und die deutsche Syntax kennt andere Mittel, um Satzteile, Wörter oder Phrasen hervorzuheben. Dazu mehr im Julibeitrag.

Lektorat Oliver Krull

Zusammenarbeit von Autor(inn)en und Lektor

30.04.2018. Bei Anfragen zu Buchprojekten bin ich wiederholt zu dem Arbeitsverhältnis zwischen Lektor und Autor(inn)en befragt worden. Je nach Textsorte und ‑qualität ist das Verhältnis mehr oder weniger kommunikativ. Immer ist es jedoch ein Vertrauensverhältnis, weil die Autorin / der Autor dem Lektor ihren/seinen Text anvertraut. Der Lektor unterliegt zwar nicht wie Ärzte oder Rechtsanwältinnen einer Schweigepflicht; jedoch ist es selbstverständlich, dass der Autor jeden Text vertraulich behandelt. Benötigt der Autor / die Autorin zum Beispiel nach einer Erstfassung seines/ihres Textes eine grundlegende Beratung, inwieweit das Geschriebene der Intention, ob es stilistisch der Zielgruppe entspricht, die Argumentationsketten konsequent geknüpft sind, wird die Zusammenarbeit intensiver sein als bei einem Text, der kurz vor der Druckstufe steht. Ein Großteil dieser Zusammenarbeit lässt sich per E-Mail oder telefonisch erledigen. Ist das gewählte Thema komplex, der stilistische Anspruch gar literarisch, können durch Satzbauänderungen Unklarheiten nicht beseitigt werden, ist die persönliche Zusammenarbeit ratsam und immer sehr fruchtbar. Nach bestimmten, textimmanenten Sinnabschnitten treffen sich Autor(in) und Lektor und finden heraus, wie dem Text zum Erfolg verholfen werden kann. Beispielsweise empfiehlt der Lektor, Zusammenhänge herzustellen und/oder mit Material zu unterfüttern; manchmal reißt er auch ein zu dünnes Gerüst aus Inhalt und Sprache ein und legt dem Autor, der Autorin nahe, unter Berücksichtigung relevanter Fragestellungen neu zu formulieren. So entsteht schrittweise ein zielführender und lesenswerter Text.

Lektorat Oliver Krull

Lektorate in anderen Sprachen

März 2018. Von einem Londoner Kollegen bin ich Anfang dieses Jahres um Hilfe beim Lektorat eines in einem englischen Dossier eingebetteten deutschen Zitats gebeten worden. Bei dieser Gelegenheit haben wir wie so oft die Eigentümlichkeiten beider Sprachen festgestellt. Immer wieder Felder exemplarischen Austausches sind der erfinderische deutsche Satzbau und der Reichtum des englischen Wortschatzes. Als Beispiel fiel mir ein Satz aus dem dritten Band von Robert Harris’ Cicero-Trilogie ein, die ich zu der Zeit gerade beendete: „A wind got up, stirring the sea into steep waves, and our little boat seemed to rise almost to the perpendicular, only to crash down again, bow first, and saturate us with salt water.“1 In der deutschen Übersetzung werden daraus zwei Sätze: „Aufkommender Wind wühlte die See auf, steile Wellen türmten sich auf. Unser kleines Boot schien senkrecht in die Höhe zu steigen, um dann mit dem Bug voraus wieder in die Tiefe zu stürzen.“2 Abgesehen davon, dass „and saturate us with salt water“ überhaupt nicht übersetzt wurde, punktet das englische Original mit atemloser Wortfolge und bildhafterer Wortwahl insbesondere mit „seemed to rise almost to the perpendicular“. „perpendicular“ könnte zwar mit „Lotrechte“ übersetzt werden, wäre in diesem Kontext jedoch ungewöhnlich. Die englische Sprache ist oft zwangloser mit Vokabeln und bringt mit „perpendicular“ mehr Bewegung in den Sinn, da dieses Wort Bilder im Umfeld eines Perpendikels eröffnet, Bilder eines vom Sturm erfassten Bootes, das einem Pendel gleich auf- und abgeht.

1 Robert Harris, „Dictator“, Arrow Books, London, 2016.

2 Robert Harris, „Dictator“, Wilhelm Heyne Verlag, München, 2017.

Lektorat Oliver Krull

Akustische Aspekte des Sprachverständnisses

Januar/Februar 2018. Wenn Sprache nicht oder nur schwer verstanden wird, muss dies nicht immer ein Fall für das Lektorat sein. Ein Aspekt ist der Dialekt. Wer zum Beispiel selten Kontakt mit der bayerischen Bevölkerung hat, wird sich anstrengen müssen, zwei sich unterhaltende Bayern oder Bayerinnen zu verstehen, obwohl gemeinhin gesagt werden kann, dass sowohl in Bayern als auch Berlin deutsch gesprochen wird. Selbst innerhalb einer Dialektgruppe kann es Bedeutungsunterschiede geben, sobald ein Text gelesen oder gehört wird. Der über die Schriftsprache erfasste Text kann eine andere Tonalität, beispielsweise eine aggressive Stoßrichtung bekommen, wenn die Information mit den Emotionen des Sprechers / der Sprecherin belegt wird. Besonders interessant sind Bedeutungsveränderungen in sogenannten Tonsprachen, wie dem Mandarin-Chinesisch, den afroasiatischen und vielen anderen Sprachen, in denen die Änderung der Tonhöhe oder des Tonverlaufes einer Silbe die Änderung der Bedeutung nach sich zieht.

Lektorat Oliver Krull

Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr!

22. Dezember 2017. Allen meinen Leserinnen und Lesern, Kunden und Kundinnen wünsche ich einen erfolgreichen Jahresabschluss und fröhliche Feiertage!

Für Anfragen stehe ich Ihnen auch zwischen den Jahren zur Verfügung. Meinen nächsten Fachbeitrag können Sie wieder Ende Januar lesen.

Lektorat Oliver Krull

Nähe und Distanz

Dezember 2017. Eine Freundin – von Beruf Ärztin – fragte mich neulich, wie es bei Lektoren mit dem Nähe-Distanz-Verhältnis zu den Inhalten ihrer Arbeit aussehe. Ein Vergleich zu der Verantwortung, die eine Ärztin, ein Arzt dem menschlichen Leben gegenüber hat, kann ein Lektor natürlich nicht aufstellen. Dennoch können Worte gefährlich werden, ein Sachverhalt durch eine unschlüssige Argumentation ins falsche Licht geraten oder der Text schlichtweg an der Zielgruppe vorbeigehen. Sind es nicht gerade Kommandozeilen, die für ein Softwarehandbuch systematisiert werden sollen, erfordert jede Textsorte eine meist auf die Zielgruppe gerichtete Empathie. Es sollte der Lektorin, dem Lektor möglich sein, sich in die jeweilige Zielgruppe hineinzuversetzen und vor Augen zu führen, wie die Intention, die mit dem Text beabsichtigt ist, bei dieser Zielgruppe besonders nachhaltig ankommt. Die Lektorin, der Lektor darf sich auf der anderen Seite allerdings nicht von dem Text verführen lassen in der Weise, dass sie oder er – zum Beispiel wegen einer persönlichen Vorliebe für ein Thema – Aspekte eines Artikels überbewertet, Satzkonstruktionen vorzieht, die bei neutralerer Betrachtung als tendenziös angesehen werden könnten. Die Distanz zum Text muss also genauso bewahrt bleiben, wie die Scheu vor der gedanklichen Durchdringung der Inhalte abzulegen ist.

Lektorat Oliver Krull

Umbrüche

November 2017. Von einem Praktikanten wurde ich neulich gefragt, warum die Umbruchkontrolle bei der Angebotserstellung extra erwähnt wird. Ein Text sei doch fertig, sobald er fehlerlos sei. Der Text mag stimmen, eingehend lektoriert und korrigiert sein; allerdings steht er nicht losgelöst im Raum, sondern vor allem als Printversion in einem vorgegebenen Rahmen, gegebenenfalls mit Bildern. Der Text muss in den Rahmen und zu den Bildern passen, d. h., Zeilen dürfen nicht zu dicht an Bilder und Grafiken heranreichen, allein auf der Folgeseite stehen, über den Rand hinausreichen, ungleiche Abstände und Einschübe hinsichtlich Folgezeilen und Absätze enthalten, wegen umgebrochener Wörter keine Lücken entstehen lassen, und die Zeilen sollten annähernd gleiche Lauflängen haben. Um dies zu erreichen, können beispielsweise die Schrift in Art und Größe angepasst, die Zeile unterschnitten oder gesperrt und Wörter getrennt werden. Auch hierbei können Fehler auftreten, falsche Trennungen passieren, vormalige Trennstriche nicht gelöscht werden, Text oder die Text-Bild-Zuordnung verloren gehen etc. Bei anspruchsvollen Publikationen wird der Lektor oft nach der Überarbeitung des Textinhaltes mit einer eigenen Umbruchkontrolle beauftragt.

Lektorat Oliver Krull

Übersetzungslektorat

Oktober 2017. Im April 2015 habe ich schon einmal über die Schwierigkeiten berichtet, sobald maschinell übersetzte Texte ins Korrektorat oder ins Lektorat geschickt werden. Ich selbst habe es erlebt, und Kolleg(inn)en berichten mir davon, dass sie Texte aus fremdsprachigen Ländern erhalten, die im deutschsprachigen Raum relevant werden (z. B. Bedienungsanleitungen), aber nicht über den Schreibtisch einer Übersetzerin, eines Übersetzers gegangen sind, sondern von einer Software übersetzt wurden. Bis vor wenigen Jahren waren diese Übersetzungen oft bis zur völligen Unverständlichkeit verdorben und auch nicht durch ein Lektorat zu retten – auch wenn eine Lektorin, ein Lektor die Ausgangssprache beherrscht: Er ist kein Übersetzer und wird nur für eine Dienstleistung bezahlt. Inzwischen sind manche an neuronale Netzwerke angebundene Übersetzungsprogramme derart souverän geworden, dass es weniger leicht ist, ihren Output zu identifizieren. Auffällig sind nach wie vor idiomatische Wendungen oder spezielle Begriffe, für die das Programm noch nicht auf kontextbezogene Quellen zurückgreifen kann. Neulich fiel mir in einem Handbuch für Grafiker folgender Satz auf: „Wenn Sie für ein Dokument eine Spiralheftung beabsichtigen, müssen Sie je nach Seitenverhältnis die Rinnenspanne einkalkulieren.“ Ein menschlicher Übersetzer wäre nicht auf die Idee gekommen, „Rinnenspanne“ zu übersetzen, da dies Wort im Deutschen keine Verwendung hat. Die Maschine hatte „gutter margin“ zusammenhangsfrei und mechanisch übersetzt; tatsächlich gemeint ist „Bundsteg“, der Rand zwischen Satzspiegel und Papierkante.

Lektorat Oliver Krull

Sprachtendenzen

September 2017. Sprachtendenzen verfolgen Lektor(inn)en sehr aufmerksam, um bei ihrer täglichen Arbeit entscheiden zu können, ob ein verwendeter, vielleicht fremdsprachlicher Begriff, ob eine ungewohnte Satzstellung oder Zeichensetzung bloßer Manierismus ist oder damit tatsächlich etwas ausgesagt oder eine semantische Nuance erzielt wird. Im November 2015 hatte ich dazu Dr. Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache e. V. zu einer öffentlichen Sitzung des Verbandes der Freien Lektorinnen und Lektoren eingeladen. Bald zwei Jahre sind seitdem vergangen; der Duden hat vor wenigen Wochen seine neueste Ausgabe zur Rechtschreibung auf den Markt gebracht – vor allem aus dem Grund, mit der sprachlichen Entwicklung Schritt halten zu wollen. In solch einem weitläufigen Regelwerk muss der Sprachgebrauch jedoch zwangsläufig sehr allgemein abgebildet werden. Lektor(inn)en können dagegen – je nach Arbeitsbereich – Sprachstränge fokussierter betrachten und Wordings erstellen auch für solche Begriffe oder Satzkonstruktionen, die bisher keinen Eingang in (Online-)Nachschlagewerke gefunden haben. In loser Folge werde ich über Beispiele aus meinem Alltag in den kommenden Beiträgen berichten.

Lektorat Oliver Krull