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Homer, Nolan und die Sprache der Zeitenwende

16.10.2026. In meinem letzten Beitrag, Der Blick von außen, ging es um die Möglichkeiten des Altgriechischen, Handlungen durch den grammatikalischen Aspekt unterschiedlich zu betrachten, also beispielsweise ihren Verlauf hervorzuheben oder sie als abgeschlossene Ganzheit darzustellen. Die Frage, wie weit Sprache unsere Wahrnehmung von Zeit beeinflusst, begegnete mir wenig später in einem anderen Zusammenhang wieder, als ich auf die sprachliche Gestaltung von Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee angesprochen wurde. Der Film, den ich in der deutschen Synchronfassung gesehen habe, hinterließ bei mir den Eindruck einer eigentümlich gewichtigen, stellenweise altertümelnden Sprache, die nicht einfach historische Authentizität beansprucht, sondern eine längst vergangene Welt in besonderer Weise gegenwärtig werden lässt.

Dabei ist bereits die Sprache Homers alles andere als ein unmittelbares Abbild der historischen Wirklichkeit, in der seine Helden gelebt haben könnten. Die Ilias und die Odyssee, deren Entstehung gewöhnlich in das ausgehende 8. oder frühe 7. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, schöpfen aus einer Jahrhunderte zurückreichenden mündlichen Überlieferung. Ihre Sprache ist eine poetische Kunstsprache, die auf ionischer Grundlage auch äolische und andere, teils ältere Dialektformen bewahrt und deren traditionelle Formeln, wiederkehrende Epitheta und metrisch geprägte Wendungen dem Hexameter verpflichtet sind. Das Griechisch Homers war somit keine gesprochene Alltagssprache, sondern ein über Generationen entwickeltes dichterisches Ausdrucksmittel, das selbst schon verschiedene Zeitschichten in sich vereinte.

Darin liegt eine bemerkenswerte historische Verschränkung. Die Welt, die Homer beschreibt, bewahrt Erinnerungen an die mykenische Kultur der späten Bronzezeit, deren Palastzentren um 1200 v. Chr. zusammenbrachen und deren politische und administrative Strukturen in der Folge weitgehend verschwanden. Zwischen dem Ende dieser Kultur und der Entstehung der homerischen Epen liegen mehrere Jahrhunderte, in denen sich die griechische Gesellschaft tiefgreifend veränderte. Dass die anschließende Epoche lange als Dark Ages bezeichnet wurde, verrät freilich ebenso viel über die begrenzte Quellenlage wie über die historische Wirklichkeit, deren Entwicklung keineswegs auf einen ununterbrochenen kulturellen Niedergang reduziert werden kann.

Homer erzählt also aus einer zeitlichen Distanz von einer Welt, die seiner eigenen Gegenwart bereits entrückt ist, ohne deren historischen Untergang ausdrücklich zum Gegenstand seiner Dichtung zu machen. Seine Helden kennen kein bevorstehendes Ende der Bronzezeit. Sie kämpfen, leiden, lieben, täuschen und suchen ihren Platz in einer Ordnung, die ihnen trotz aller Bedrohungen als grundsätzlich fortbestehend erscheint. Gerade die Odyssee handelt schließlich nicht vom Untergang dieser Ordnung, sondern von ihrer Wiederherstellung: Odysseus möchte nach Ithaka zurückkehren, seine Herrschaft zurückgewinnen und die Gemeinschaft seines Hauses erneuern.

Christopher Nolan verschiebt diese Perspektive. In seiner Adaption scheint die historische Rückschau bereits in die erzählte Gegenwart eingedrungen zu sein, sodass die Figuren nicht nur die Folgen eines Krieges erfahren, sondern zugleich den Niedergang einer ganzen Zivilisation zu erahnen scheinen. Besonders deutlich wird dies in einer Szene, in der Odysseus gegenüber Penelope die Zerstörung Trojas mit dem Zerfall der bisherigen Welt verbindet und schließlich erklärt: „Our age of bronze is collapsing.“

Der Satz ist historisch anachronistisch, denn die Vorstellung eines Bronzezeitalters, das als abgeschlossene Epoche auf andere Zeitalter folgt oder ihnen vorausgeht, gehört nicht zur Selbstwahrnehmung der homerischen Helden, sondern zur späteren Geschichtsschreibung. Eben dadurch verrät die Formulierung jedoch Nolans gestalterische Absicht: Er lässt seine Figuren aus einer Perspektive sprechen, die ihnen historisch nicht zukommen konnte, und verwandelt die Erfahrung des Krieges in das Bewusstsein einer umfassenden Zeitenwende. Die Zerstörung Trojas erscheint nicht mehr allein als Ende eines langjährigen Konflikts, sondern als sinnbildlicher Auftakt zu einer Epoche des Verlusts, deren historische Ursachen tatsächlich wesentlich komplexer waren.

Zu dieser Deutung passt die Sprache der deutschen Synchronfassung, die ich über weite Strecken als gesetzt, in der Wortwahl gelegentlich archaisierend und in ihrer rhetorischen Haltung als auffallend ernst empfunden habe. Nicht die konsequente Nachahmung einer älteren Sprachstufe erzeugt dabei den Eindruck historischer Ferne, sondern eine stilistische Distanz zum alltäglichen Gegenwartsdeutsch, die sich durch gehobene Ausdrucksweisen, feierliche Rede und eine gewisse sprachliche Verdichtung einstellt. Zugleich bleibt der Dialog keineswegs durchgängig diesem Register verpflichtet. Solche Wechsel sind durchaus produktiv, da eine konsequent altertümelnde Sprache leicht ins Theatralische, bisweilen sogar unfreiwillig Komische abgleiten könnte und den Figuren damit gerade jene menschliche Unmittelbarkeit nähme, die sie dem heutigen Publikum nahebringen soll.

Wo keine kontinuierliche Erzählerstimme aus dem Off die historischen Zusammenhänge erläutert, gewinnen die Dialoge zudem eine besondere Bedeutung für die Erzeugung eines historischen Resonanzraums. Die Sprache vermittelt nicht lediglich Informationen über das Geschehen, sondern trägt dazu bei, eine Welt erfahrbar zu machen, deren Bewohner zwischen überlieferten Ordnungen und einer ungewissen Zukunft stehen. Die eigentümliche Schwere mancher Äußerungen lässt sich insofern als eschatologische Färbung verstehen, ohne dass der Film damit zu einer Apokalypse im eigentlichen, religiösen Sinne würde. Die Figuren sprechen nicht vom Ende aller Zeiten, wohl aber vom Ende ihrer Zeit.

Freilich ist diese Wirkung von der Frage zu unterscheiden, ob Nolans Dialoge auch als literarische Gestaltung seiner Figuren überzeugen. Die Altphilologin Emily Wilson, deren viel beachtete englische Odyssee-Übersetzung 2017 erschien, beantwortet diese Frage entschieden negativ. Bereits der Titel ihrer Besprechung in der London Review of Books, „An Uncomplicated Man“, setzt einen ironischen Kontrapunkt zum ersten Vers ihrer eigenen Übersetzung, „Tell me about a complicated man“, mit dem sie das homerische πολύτροπον, die Vielgewandtheit des Odysseus, wiedergibt. Wilson vermisst in Nolans Helden gerade jene List, Vielschichtigkeit und moralische Ambivalenz, die den homerischen Odysseus auszeichnen, und beanstandet darüber hinaus die geringe psychologische Tiefe der Figuren sowie die Widersprüche zwischen den ethischen Ansprüchen des Drehbuchs und der Darstellung von Gewalt.

Diese Kritik lässt sich ernst nehmen, ohne deshalb die atmosphärische Wirkung der Dialoge in Abrede stellen zu müssen. Eine Sprache kann als Mittel der Charakterzeichnung unbefriedigend bleiben und dennoch eine überzeugende historische Vorstellung hervorrufen. Was Wilson als Mangel an individueller Differenzierung beschreibt, könnte zumindest teilweise mit jener sprachlichen Überhöhung zusammenhängen, die weniger die individuellen Schicksale der Figuren als deren Stellung an einer historischen Schwelle hervortreten lässt. Das ist keine Widerlegung ihrer Kritik, wohl aber eine andere Betrachtungsebene.

Gerade im Vergleich mit Homer wird der Unterschied deutlich. Dessen epische Sprache ist zwar hochgradig stilisiert, doch kennt seine Dichtung neben dem Erhabenen auch das Beiläufige, neben der Gewalt das Komische und neben dem Außergewöhnlichen die ausführliche Darstellung alltäglicher Verrichtungen. Homer bettet das Wunderbare in eine erzählerisch vertraute Welt ein, während Nolan dem Vertrauten eine Atmosphäre des Unwiderruflichen verleiht. Wo bei Homer eine überlieferte Ordnung wiedergewonnen werden soll, wird bei Nolan selbst die Möglichkeit ihrer dauerhaften Wiederherstellung fraglich.

Am Ende des Films gewinnt diese Perspektive noch einmal ausdrücklich Gestalt, wenn Odysseus einen neuen Morgen über einer verdunkelten Welt ankündigt. Die darin liegende Hoffnung hebt den Untergang nicht auf, sondern setzt ihn bereits voraus. Das Bronzezeitalter wird bei Nolan nicht nur zur historischen Kulisse, sondern zum Sinnbild einer Zivilisation, die sich ihrer eigenen Zerstörung bewusst wird. Vielleicht liegt gerade darin der eigentliche sprachliche Unterschied zwischen beiden Werken: Homer erzählt von einer vergangenen Welt, als wäre sie noch gegenwärtig; Nolan lässt eine gegenwärtige Welt sprechen, als wäre sie bereits vergangen. Die eine Dichtung bewahrt Erinnerung, die andere inszeniert das Bewusstsein ihres bevorstehenden Verlusts. Und während Homers Helden um Heimkehr und Herrschaft ringen, senkt sich über Nolans Odysseus bereits jener düstere Horizont, an dem nicht nur eine Reise, sondern eine ganze Epoche zu Ende geht.

Lektorat Oliver Krull

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