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Der Blick von außen

16.09.2026. Bei Urlaubsreisen in diesem Sommer wurde ich zweimal gefragt, was Fremdsprachenkenntnisse mit meiner Arbeit an deutschen Texten zu tun haben. Die kurze Antwort lautete: zunächst einmal gar nichts. Wer einen deutschen Text lektoriert, sollte vor allem die deutsche Sprache beherrschen.

Die etwas längere Antwort ist interessanter, denn in der eigenen Muttersprache halten wir vieles für selbstverständlich. Erst eine Sprache, die manches ganz anders organisiert, macht sichtbar, dass es sich dabei keineswegs um sprachliche Naturgesetze handelt.

Ein einfaches Beispiel bietet das Arabische. Im Deutschen benötigen wir in einem Satz wie „Das Haus ist groß“ selbstverständlich das Verb sein. Das Arabische kommt in der Gegenwart bei solchen Nominalsätzen ohne Kopula aus:

البيت كبير
[wörtlich etwa: „das Haus – groß“]

Was dem deutschen Muttersprachler zunächst wie eine Auslassung vorkommt, ist grammatikalisch vollkommen. Umgekehrt wird die Funktion unseres unscheinbaren ist bewusst, eines Wortes, das man im Deutschen normalerweise benutzt, ohne groß darüber nachzudenken.

Auch Nominalgruppen funktionieren anders. In der arabischen Genitivverbindung, der sogenannten Idāfa, werden zwei Substantive unmittelbar miteinander verbunden:

كتاب الطالب
[„Buch des Studenten“]

Das erste Glied [كتاب] erhält dabei keinen bestimmten Artikel; ob die gesamte Verbindung definit oder indefinit ist, richtet sich wesentlich nach dem zweiten Glied. كتاب طالب  [beide ohne Artikel, s. Unterschied  الطالب vs. طالب ] bezeichnet entsprechend „das Buch eines Studenten“ bzw. „ein Studentenbuch“ im Sinne einer indefiniten Genitivverbindung, während  كتاب الطالب  durch das bestimmte الطالب   auch als Gesamtverbindung definit ist.

Solche Unterschiede sind für ein deutsches Lektorat natürlich nicht unmittelbar „nützlich“. Sie haben aber einen Nebeneffekt: Man hört genauer hin, wenn deutsche Nominalgruppen überladen sind, Bezüge unklar werden oder ein Genitivattribut nur deshalb selbstverständlich erscheint, weil man es einfach immer so gemacht hat.

Noch deutlicher wird dieser Verfremdungseffekt im Altgriechischen. Dort zwingt bereits die Wahl eines Verbalstamms dazu, eine Handlung unter einem bestimmten Gesichtspunkt zu betrachten. Besonders anschaulich wird das am Imperativ:

γράφε τὴν ἐπιστολήν! – „Schreib den [weiter an dem] Brief!“
γράψον τὴν ἐπιστολήν! – „Schreib den Brief!“

Beide Formen fordern zum Schreiben auf. Im ersten Fall wird die Handlung in ihrem Verlauf betrachtet, im zweiten als Ganze. Das Deutsche muss diesen Perspektivwechsel durch Wortwahl oder Umschreibung kenntlich machen; im Griechischen steckt er bereits in der Wahl des Verbalstamms: γραφ- gegenüber γραψ-.

Dasselbe zeigt sich bei den Infinitiven:

γράφειν – „schreiben“, unter dem Gesichtspunkt des Verlaufs oder der Wiederholung,
γράψαι – „schreiben“, unter dem Gesichtspunkt des geschlossenen Gesamtvorgangs.

Im Indikativ tritt dazu noch die Zeitstufe:

ἔγραφε τὴν ἐπιστολήν – „er schrieb an dem Brief“, „er war dabei, den Brief zu schreiben“,
ἔγραψε τὴν ἐπιστολήν – „er schrieb/verfasste den Brief“, als Ganzes betrachtet.

Das Deutsche besitzt dafür keine vergleichbar durchgängige grammatikalische Kategorie. Wo das Griechische schon durch die Wahl des Verbalstamms zwischen γράφ- und γραψ- unterscheidet, müssen wir häufig mit Kontext, Wortwahl oder Umschreibung nachhelfen: Jemand schrieb an einem Brief, schrieb immer wieder, war gerade am Schreiben oder verfasste einen Brief. Gerade weil eine andere Sprache einen solchen Unterschied regelmäßig markieren kann, wird man für die Möglichkeiten und gelegentlich auch die Unschärfen der eigenen Sprache empfindlicher.

Fremdsprachenkenntnisse machen also nicht automatisch zu einem besseren Lektor. Ein arabischer Nominalsatz hilft mir nicht dabei, ein falsches Komma im Deutschen zu entdecken, und der griechische Aorist korrigiert keinen missglückten Werbetext. Aber beide erinnern daran, dass Grammatik immer auch eine bestimmte Art ist, Wirklichkeit sprachlich zu ordnen.

Und vielleicht ist genau das der Gewinn des Blicks von außen: Die Muttersprache verliert für einen Moment ihre scheinbare Selbstverständlichkeit, und dann lässt sich oft unverstellt auf einen Text blicken.

Lektorat Oliver Krull